Fr |03|03|2017| TRIBUNA

La Nova

Das jüngste musikalische Projekt von Corin Curschellas

Hörbar gemachte Bergwelt
aus der Vogelperspektive


Das jüngste musikalische Projekt von Corin Curschellas heisst La Nova und ist ein grosser Wurf. Nomen est omen, denn dieses Projekt ist tatsächlich ein Novum.

Zusammen mit Markus Flückiger (Schwyzerörgeli), Vera Kappeler (Piano), Anna Trauffer (Bass) und Peter Conradin Zumthor (Schlagwerk) erforscht Curschellas einmal mehr neues Terrain: Die Klangerforschung der musikalischen Topographie der Rumantschia findet ihren Fortgang – traditionelle romanische Lieder werden neu vermessen und verortet. Das Zusammentreffen der Ausnahmekönner ist ein Glücksfall. Selten hat man ein solch stimmiges Ineinanderfliessen unterschiedlichster musikalischer Strömungen vernommen.

Der musikalische Fluss mäandert bisweilen in einer archaischen, dann in einer zeitgenössischen Landschaft. Das traditionelle Volkslied hat seinen Platz neben kammermusikalisch geprägten Liedern sowie Balladen, wobei die Gefahrenzone der Beliebigkeit von den MusikerInnen immer souverän umschifft wird. Von den 17 Liedern auf der CD hat Markus Flückiger deren 15 arrangiert, und die Kontrabassistin Anna Trauffer ist für zwei Kompositionen verantwortlich.

Corin Curschellas sagt über die CD La Nova: «Jedes Lied dieser CD hat eine eigene Atmosphäre und bildet eine eigene Klanglandschaft.» So sind die Stücke teilweise sehr rhythmisch, bisweilen beinahe von sprödem Charme, andere wieder zart-fragiler Art. Die Musik von La Nova besticht einerseits aufgrund der kreativen Ausdruckskraft, andererseits durch eine grosse Klarheit im Spiel.

Die musikalische Spannweite von La Nova ist beträchtlich, wie folgende Beispiele illustrieren: «L'atra saira deri» ist ein lüpfiges, rhythmisch anspruchsvolles Stück mit einem Solo von Markus Flückiger. Man lauscht seinem virtuosen Spiel auf dem Schwyzerörgeli – hierbei wird es einem angenehm schwindlig. Äusserst präzise, wie Peter Conradin Zumthor mit den Jazzbesen durchs Stück fegt. Traditionelle Volksmusikklänge sind bei «Igl tschiel è schi blo» zu hören.

Getragen wird das Stück von Corin Curschellas eindringlichem Gesang und dem feinfühligen Kontrabassspiel Anna Trauffers. Intensive Momente beschert die Alpenpolka «Chanzun dal chilgèr», insbesondere wegen dem überraschenden Pianospiel von Vera Kappeler. Es ist eine vortreffliche Antwort auf die Frage, wie Volksmusik modern interpretiert werden kann.

Die Mollklänge in «Veta humana», das hörbare Atmen des Schwyzerörgelis, die dunklen Piano- und Bass-Tupfer, der jazzgeprägte Gesang Curschellas: all das ergibt ein kammermusikalisches dunkles Gemälde von eindringlicher Tiefenwirkung. Passend dazu die Textzeile: «Tgi sesegira – dil mund e mira – sin sia ventira, vegn enganaus.» Auf Deutsch: «Wer sich absichert – in der Welt und nur – sein Glück im Auge hat, der wird betrogen.» Klanglich verwandt mit «Veta humana» ist das Lied «Las bovas da 1927». Ein tieftrauriger Song. Er berichtet von einem Mann, der aufgrund eines Murgangs ums Leben kam. «Der Sturm hob ihn hoch, und warf ihn von der Brücke; gepackt hat ihn die Rüfe und in den Rhein gezerrt.» Hintergrund dieser Liedzeile ist die Hochwasserkatastrophe beidseits der Alpen vom 24./25. September 1927, bei welcher in Graubünden zwölf Menschen in den Fluten ertranken. Das Piano «weint», feine Schleifklänge vom Bass ziehen den Hörer in den dunklen Fluss der Klänge. Mit «Il gran es fat aint» zündet La Nova ein rhythmisches Feuerwerk. Es ist ein Erntedanklied. Das Korn ist eingebracht.

Es wird getanzt und gejauchzt: «Juhaissassassa, das Schwere ist nun vorbei.» Mägde, Mähder, Knechte, Einheimische und Fremde lärmen freudvoll, fallen sich in die Arme und um den Hals. Genau diese Stimmung fängt La Nova mit «Il gran es fat aint» perfekt ein. Schlagzeuger Peter Conradin Zumthor lässt es präzise hämmern, scheppern und kesseln. Die beinahe unbändige Spielfreude manifestiert sich auch im furiosen Schlussteil, bei dem die gesamte Combo singt. Und man kann nur sagen: Es fägt! Die jazzige Ballade «Eu vögl bain a mia bella» zeigt eindrücklich, wie die MusikerInnen traditionelles Liedgut in unsere Zeit holen und ihm neues Leben einhauchen. Das Liebeslied im Vallader-Idiom verströmt eine zarte Melancholie – und es klingt im Kopf noch lange nach. Ebenfalls ein ruhiges Stück ist «Ev A Te». Kopfkino: Nebelschwaden ziehen an den steilen Flanken eines Bündner Bergtals hinauf, formen sich zu neuen Gebilden, lösen sich im Nichts auf.

Es zeigt sich, übrigens nicht nur in «Ev A Te», wie assoziativ die Lieder von La Nova sein können. Man muss des Romanischen nicht mächtig sein, um die bilderreiche Sprache von La Nova zu verstehen. Womit auch gleich gesagt sei, dass der Text von «Ev A Te» mitnichten von Nebelschwaden handelt. Es gibt in diesem Lied übrigens Anleihen aus der zeitgenössischen Musik, und man spürt beim Spiel der Band die Meisterschaft sowie das blinde Vertrauen, welche bei dieser Aufnahme Pate standen. «Ev A Te» ist ein geheimnisvolles, atmosphärisch dichtes Klanggebilde. Vielgestaltig ist das Schaffen von La Nova.

Doch gibt es ihn, den Song mit Hitpotential? «Sch'eu füss'na randulina» könnte die bejahende Antwort sein. Das Stück ist melodisch eingängig und trotzdem komplex. Grossartig das Pianospiel Vera Kappelers, und schlichtweg phänomenal, wie Markus Flückiger die Melodiebögen aufbaut und sanft ausklingen lässt. Sein Schwyzerörgeli-Spiel wirkt leicht, in bestimmten Momenten fast ätherisch, und im Solo zaubert der Ausnahmekönner geradezu. Der Mittelteil des Lieds ist geprägt von dunkel gefärbten Gesangspassagen Corin Curschelles, die sich in Höchstform präsentiert. Auch wenn Peter Conradin Zumthor mit seinem Schlagwerk die Schwalbe erdet, so fliegt sie doch hoch am Himmel über die Alpen.

La Nova sagt dazu: «Das ist hörbar gemachte Bergwelt aus der Vogelperspektive.» Rauheit, Weite und elementare Schönheit. Eine mannigfaltige Klangwelt, die nur mittels Meisterschaft, Innovation und Wahrhaftigkeit geschaffen werden kann. La Nova hat Findlinge bearbeitet, Sedimente sichtbar gemacht und verwildertes Land wieder urbar gemacht. Mit ihrem neuen Album setzen die Ausnahmemusiker eine leuchtende Wegmarke in der Landschaft der neuen Schweizer Volksmusik. Adrian Vieli, im September 2016 

03.03.2017, 20:15

Hörbar gemachte Bergwelt
aus der Vogelperspektive


Das jüngste musikalische Projekt von Corin Curschellas heisst La Nova und ist ein grosser Wurf. Nomen est omen, denn dieses Projekt ist tatsächlich ein Novum.

Zusammen mit Markus Flückiger (Schwyzerörgeli), Vera Kappeler (Piano), Anna Trauffer (Bass) und Peter Conradin Zumthor (Schlagwerk) erforscht Curschellas einmal mehr neues Terrain: Die Klangerforschung der musikalischen Topographie der Rumantschia findet ihren Fortgang – traditionelle romanische Lieder werden neu vermessen und verortet. Das Zusammentreffen der Ausnahmekönner ist ein Glücksfall. Selten hat man ein solch stimmiges Ineinanderfliessen unterschiedlichster musikalischer Strömungen vernommen.

Der musikalische Fluss mäandert bisweilen in einer archaischen, dann in einer zeitgenössischen Landschaft. Das traditionelle Volkslied hat seinen Platz neben kammermusikalisch geprägten Liedern sowie Balladen, wobei die Gefahrenzone der Beliebigkeit von den MusikerInnen immer souverän umschifft wird. Von den 17 Liedern auf der CD hat Markus Flückiger deren 15 arrangiert, und die Kontrabassistin Anna Trauffer ist für zwei Kompositionen verantwortlich.

Corin Curschellas sagt über die CD La Nova: «Jedes Lied dieser CD hat eine eigene Atmosphäre und bildet eine eigene Klanglandschaft.» So sind die Stücke teilweise sehr rhythmisch, bisweilen beinahe von sprödem Charme, andere wieder zart-fragiler Art. Die Musik von La Nova besticht einerseits aufgrund der kreativen Ausdruckskraft, andererseits durch eine grosse Klarheit im Spiel.

Die musikalische Spannweite von La Nova ist beträchtlich, wie folgende Beispiele illustrieren: «L'atra saira deri» ist ein lüpfiges, rhythmisch anspruchsvolles Stück mit einem Solo von Markus Flückiger. Man lauscht seinem virtuosen Spiel auf dem Schwyzerörgeli – hierbei wird es einem angenehm schwindlig. Äusserst präzise, wie Peter Conradin Zumthor mit den Jazzbesen durchs Stück fegt. Traditionelle Volksmusikklänge sind bei «Igl tschiel è schi blo» zu hören.

Getragen wird das Stück von Corin Curschellas eindringlichem Gesang und dem feinfühligen Kontrabassspiel Anna Trauffers. Intensive Momente beschert die Alpenpolka «Chanzun dal chilgèr», insbesondere wegen dem überraschenden Pianospiel von Vera Kappeler. Es ist eine vortreffliche Antwort auf die Frage, wie Volksmusik modern interpretiert werden kann.

Die Mollklänge in «Veta humana», das hörbare Atmen des Schwyzerörgelis, die dunklen Piano- und Bass-Tupfer, der jazzgeprägte Gesang Curschellas: all das ergibt ein kammermusikalisches dunkles Gemälde von eindringlicher Tiefenwirkung. Passend dazu die Textzeile: «Tgi sesegira – dil mund e mira – sin sia ventira, vegn enganaus.» Auf Deutsch: «Wer sich absichert – in der Welt und nur – sein Glück im Auge hat, der wird betrogen.» Klanglich verwandt mit «Veta humana» ist das Lied «Las bovas da 1927». Ein tieftrauriger Song. Er berichtet von einem Mann, der aufgrund eines Murgangs ums Leben kam. «Der Sturm hob ihn hoch, und warf ihn von der Brücke; gepackt hat ihn die Rüfe und in den Rhein gezerrt.» Hintergrund dieser Liedzeile ist die Hochwasserkatastrophe beidseits der Alpen vom 24./25. September 1927, bei welcher in Graubünden zwölf Menschen in den Fluten ertranken. Das Piano «weint», feine Schleifklänge vom Bass ziehen den Hörer in den dunklen Fluss der Klänge. Mit «Il gran es fat aint» zündet La Nova ein rhythmisches Feuerwerk. Es ist ein Erntedanklied. Das Korn ist eingebracht.

Es wird getanzt und gejauchzt: «Juhaissassassa, das Schwere ist nun vorbei.» Mägde, Mähder, Knechte, Einheimische und Fremde lärmen freudvoll, fallen sich in die Arme und um den Hals. Genau diese Stimmung fängt La Nova mit «Il gran es fat aint» perfekt ein. Schlagzeuger Peter Conradin Zumthor lässt es präzise hämmern, scheppern und kesseln. Die beinahe unbändige Spielfreude manifestiert sich auch im furiosen Schlussteil, bei dem die gesamte Combo singt. Und man kann nur sagen: Es fägt! Die jazzige Ballade «Eu vögl bain a mia bella» zeigt eindrücklich, wie die MusikerInnen traditionelles Liedgut in unsere Zeit holen und ihm neues Leben einhauchen. Das Liebeslied im Vallader-Idiom verströmt eine zarte Melancholie – und es klingt im Kopf noch lange nach. Ebenfalls ein ruhiges Stück ist «Ev A Te». Kopfkino: Nebelschwaden ziehen an den steilen Flanken eines Bündner Bergtals hinauf, formen sich zu neuen Gebilden, lösen sich im Nichts auf.

Es zeigt sich, übrigens nicht nur in «Ev A Te», wie assoziativ die Lieder von La Nova sein können. Man muss des Romanischen nicht mächtig sein, um die bilderreiche Sprache von La Nova zu verstehen. Womit auch gleich gesagt sei, dass der Text von «Ev A Te» mitnichten von Nebelschwaden handelt. Es gibt in diesem Lied übrigens Anleihen aus der zeitgenössischen Musik, und man spürt beim Spiel der Band die Meisterschaft sowie das blinde Vertrauen, welche bei dieser Aufnahme Pate standen. «Ev A Te» ist ein geheimnisvolles, atmosphärisch dichtes Klanggebilde. Vielgestaltig ist das Schaffen von La Nova.

Doch gibt es ihn, den Song mit Hitpotential? «Sch'eu füss'na randulina» könnte die bejahende Antwort sein. Das Stück ist melodisch eingängig und trotzdem komplex. Grossartig das Pianospiel Vera Kappelers, und schlichtweg phänomenal, wie Markus Flückiger die Melodiebögen aufbaut und sanft ausklingen lässt. Sein Schwyzerörgeli-Spiel wirkt leicht, in bestimmten Momenten fast ätherisch, und im Solo zaubert der Ausnahmekönner geradezu. Der Mittelteil des Lieds ist geprägt von dunkel gefärbten Gesangspassagen Corin Curschelles, die sich in Höchstform präsentiert. Auch wenn Peter Conradin Zumthor mit seinem Schlagwerk die Schwalbe erdet, so fliegt sie doch hoch am Himmel über die Alpen.

La Nova sagt dazu: «Das ist hörbar gemachte Bergwelt aus der Vogelperspektive.» Rauheit, Weite und elementare Schönheit. Eine mannigfaltige Klangwelt, die nur mittels Meisterschaft, Innovation und Wahrhaftigkeit geschaffen werden kann. La Nova hat Findlinge bearbeitet, Sedimente sichtbar gemacht und verwildertes Land wieder urbar gemacht. Mit ihrem neuen Album setzen die Ausnahmemusiker eine leuchtende Wegmarke in der Landschaft der neuen Schweizer Volksmusik. Adrian Vieli, im September 2016