Mi |12|06|2019| CINEMA__DOC

Histoires de la plaine

Christine Seghezzi, Frankreich 2019, 72', F/d,

Wenn genmanipuliertes Soja das beste Fleisch der Welt verdrängt

Mi 12.06.2019, 20:15
Anschliessend: Andreas Cadonau im Gespräch mit der Regisseurin Christine Seghezzi

HISTOIRES DE LA PLAINE führt uns ins Herz der argentinischen Pampa. Vor 15 Jahren wurden die Kühe die das „beste Fleisch der Welt“ lieferten, durch genmanipuliertes Soja ersetzt. Eine Katastrophe, deren Zeugen die Einwohner des Ortes Colonia Hansen sind.

Die Filmemacherin Christine Seghezzi ist eine Kennerin Argentiniens. Vor einigen Jahren drehte sie in Buenos Aires den Film « Avenue Rivadavia », der einen sehr persönlichen und gefühlvollen Einblick in das Leben dieser Großstadt gibt.

In ihrem neuen Film stellt sie ihre Kamera in ein winziges Dorf der argentinischen Pampa, inmitten von unendlichen Sojafeldern: Ein paar Häuser, eine Fahne, eine kleine Volksschule und, an der Kreuzung zweier Feldwege, eine Café-Gemischtwarenhandlung- Tankstelle, deren Kunden rar geworden sind. Weshalb dieser Ort? Dieses Dorf durchlief in den letzten fünfzehn Jahren eine tiefgreifende Veränderung. Ursprünglich Herz der Pampa und Zentrum extensiver Rinderzucht mit dem „besten Fleisch der Welt“, steht es heute symbolhaft für die ökonomische und ökologische Tragödie des ganzen Landes.

Weil diese Art von extensiver Viehzucht Kapital, Hilfskräfte in großer Zahl, Löhne, Schlachthöfe und eine Kette der Weiterverarbeitung verlangt, wurden die Rinder durch gentechnisch manipulierte Sojapflanzen ersetzt: Eine einfache und rentable Produktion, welch dank des Exports Devisen einbringt und deren Konsequenzen auf die Umwelt und die Gesundheit desaströs sind: Durch den massiven Einsatz von Pestiziden hat sich die Krebsrate vervielfacht. All dies geschah unter dem Druck des globalen Kapitalismus, dessen Gesetze sich im Verlauf der politischen, ökonomischen und finanziellen Krisen Argentiniens durchgesetzt haben. Geschichten aus der weiten Ebene erzählt diese Katastrophe aus der Sicht der Einwohner des kleinen Dorfes. Nach und nach bringt der Film weitere Katastrophen und Geschichten an die Oberfläche – die Geschichte der Indianer, die vor langer Zeit diese Weite bevölkerten, oder Geschichten aus der Zeit der argentinischen Diktatur, die auch weit von der Hauptstadt entfernt ihre Opfer forderte. Sie sind Spielzeug der Geschichte, und sind sich gleichzeitig genau bewusst, was ihnen widerfährt.

Eine der letzten Filmeinstellungen zeigt die weite Ebene der Pampa im Licht der untergehenden Sonne, mit ihren Sojafeldern soweit das Auge reicht. Eine grandiose, friedvoll erscheinende Landschaft . Dann hört man den Motor eines Flugzeugs, bevor die Maschine am Horizont sichtbar wird. Zweimal dreht sie dieselbe Runde. Pestizide werden über die Felder gesprüht. Die Gefahr wird sichtbar, man begreift die Tragödie der bereits gehörten Geschichten, und erkennt die Schönheit dieses Volkes, das trotz allem widersteht.

TEXT TAKINO

12.06.2019, 20:15

HISTOIRES DE LA PLAINE führt uns ins Herz der argentinischen Pampa. Vor 15 Jahren wurden die Kühe die das „beste Fleisch der Welt“ lieferten, durch genmanipuliertes Soja ersetzt. Eine Katastrophe, deren Zeugen die Einwohner des Ortes Colonia Hansen sind.

Die Filmemacherin Christine Seghezzi ist eine Kennerin Argentiniens. Vor einigen Jahren drehte sie in Buenos Aires den Film « Avenue Rivadavia », der einen sehr persönlichen und gefühlvollen Einblick in das Leben dieser Großstadt gibt.

In ihrem neuen Film stellt sie ihre Kamera in ein winziges Dorf der argentinischen Pampa, inmitten von unendlichen Sojafeldern: Ein paar Häuser, eine Fahne, eine kleine Volksschule und, an der Kreuzung zweier Feldwege, eine Café-Gemischtwarenhandlung- Tankstelle, deren Kunden rar geworden sind. Weshalb dieser Ort? Dieses Dorf durchlief in den letzten fünfzehn Jahren eine tiefgreifende Veränderung. Ursprünglich Herz der Pampa und Zentrum extensiver Rinderzucht mit dem „besten Fleisch der Welt“, steht es heute symbolhaft für die ökonomische und ökologische Tragödie des ganzen Landes.

Weil diese Art von extensiver Viehzucht Kapital, Hilfskräfte in großer Zahl, Löhne, Schlachthöfe und eine Kette der Weiterverarbeitung verlangt, wurden die Rinder durch gentechnisch manipulierte Sojapflanzen ersetzt: Eine einfache und rentable Produktion, welch dank des Exports Devisen einbringt und deren Konsequenzen auf die Umwelt und die Gesundheit desaströs sind: Durch den massiven Einsatz von Pestiziden hat sich die Krebsrate vervielfacht. All dies geschah unter dem Druck des globalen Kapitalismus, dessen Gesetze sich im Verlauf der politischen, ökonomischen und finanziellen Krisen Argentiniens durchgesetzt haben. Geschichten aus der weiten Ebene erzählt diese Katastrophe aus der Sicht der Einwohner des kleinen Dorfes. Nach und nach bringt der Film weitere Katastrophen und Geschichten an die Oberfläche – die Geschichte der Indianer, die vor langer Zeit diese Weite bevölkerten, oder Geschichten aus der Zeit der argentinischen Diktatur, die auch weit von der Hauptstadt entfernt ihre Opfer forderte. Sie sind Spielzeug der Geschichte, und sind sich gleichzeitig genau bewusst, was ihnen widerfährt.

Eine der letzten Filmeinstellungen zeigt die weite Ebene der Pampa im Licht der untergehenden Sonne, mit ihren Sojafeldern soweit das Auge reicht. Eine grandiose, friedvoll erscheinende Landschaft . Dann hört man den Motor eines Flugzeugs, bevor die Maschine am Horizont sichtbar wird. Zweimal dreht sie dieselbe Runde. Pestizide werden über die Felder gesprüht. Die Gefahr wird sichtbar, man begreift die Tragödie der bereits gehörten Geschichten, und erkennt die Schönheit dieses Volkes, das trotz allem widersteht.

TEXT TAKINO